Der Weg, den es noch nicht gibt
Ich stehe am Anfang eines Weges, der noch nicht existiert – und doch liegt er vor mir. Zwei Linien aus Glas ziehen sich bis an die Grenze meines Blicks, als hätten sie nie etwas anderes getan, als mich hierher zu führen. Unter meinen Füßen spiegelt sich der Himmel, und für einen Moment weiß ich nicht, ob ich auf festem Boden oder auf einer Illusion stehe.
Es ist ein Ort ohne Geräusche, ohne Wind, ohne ein Zeichen dafür, dass hinter dem Licht etwas wartet. Alles, was es gibt, ist diese perfekte Symmetrie, die mich zwingt, weiterzugehen. Nicht, weil ich weiß, was am Ende ist, sondern weil Stehenbleiben sich hier wie ein leises Verschwinden anfühlen würde.
Vielleicht ist das der Moment, in dem man begreift, dass Wege nicht entstehen, weil jemand sie vor dir gegangen ist, sondern weil du selbst den ersten Schritt machst. Dass es keine Garantie gibt, nur eine Richtung. Und dass jede Spiegelung dich daran erinnert, dass der Weg nicht nur nach vorne führt, sondern auch zurück zu dir.
Ich sehe mein Spiegelbild im Glas – nicht scharf, nicht fest umrissen, sondern wie eine Ahnung. Es geht mit mir, Schritt für Schritt, und ich frage mich, ob es der Teil von mir ist, der nie zweifelt, oder der, der nie sicher war. Vielleicht ist es beides.
Der Steg verengt sich nicht, und doch wirkt es so, als ob die Linien sich im Licht berühren würden. Diese Täuschung hält mich in Bewegung. Manchmal muss man glauben, dass etwas näherkommt, nur damit man weitermacht. Vielleicht ist das Licht kein Ziel, sondern eine Frage, die größer ist als jede Antwort.
Ich könnte stehen bleiben und zurückblicken, um zu sehen, wie weit ich gekommen bin. Aber das würde bedeuten, den Blick von dem zu nehmen, was mich ruft. Und ich spüre, dass es hier nicht um Entfernung geht, sondern um das, was in mir wächst, während ich gehe.
In dieser Weite, in dieser makellosen Klarheit, ist kein Platz für Ablenkung. Jeder Schritt hallt nur in mir selbst. Und plötzlich weiß ich: Es ist nicht das Licht, das mich erwartet. Es ist das, was ich am Ende über mich weiß, wenn ich dort ankomme.
Vielleicht ist dieser Weg nicht aus Glas, sondern aus Entscheidungen. Vielleicht spiegelt er nur deshalb, weil ich lernen soll, mich selbst im Gehen zu sehen. Nicht wie ich war, nicht wie ich dachte, sein zu müssen – sondern wie ich bin, wenn niemand zusieht.
Das Licht kommt nicht näher. Ich komme ihm näher. Und das ist ein Unterschied, den ich bisher nie verstanden habe.
„Manche Wege entstehen erst, wenn man sie geht – und sie spiegeln, wer man ist, während man es tut.“
