Das Antiquariat lag in einer Seitenstraße, zwischen einem Copyshop und einem leerstehendem Ladenlokal. Die Fenster waren staubig, die Bücher dahinter verblasst. Niemand ging hier mehr hinein, dachte sie. Und dann öffnete sie die Tür.
Der alte Mann hinter dem Tresen blickte kaum auf. Seine Hände ordneten Notizzettel, langsam, methodisch. Sein Hemd hatte Tintenflecken am Ärmel. Sie sah sich um, zwischen Regalen, die bis zur Decke reichten.
„Suchen Sie etwas Bestimmtes?“, fragte er, ohne von seinen Zetteln aufzublicken.
„Nur schauen.“
Er nickte, als hätte er diese Antwort erwartet.
Sie ging weiter, vorbei an Atlanten und Reiseberichten, vorbei an Romanen mit abgegriffenen Buchrücken. Dann blieb sie stehen. Auf einem Regal lag ein Kompass. Klein, aus Messing, mit Kratzern auf der Oberfläche. Sie nahm ihn in die Hand. Die Nadel zitterte, drehte sich – und blieb nach Süden zeigen.
„Der ist defekt“, sagte sie.
Der alte Mann kam näher, langsam, mit einem leisen Räuspern. „Defekt wäre das falsche Wort.“
„Die Nadel zeigt nach Süden.“
„Das tut sie.“ Er lehnte sich gegen das Regal, verschränkte die Arme. „Aber das macht sie nicht falsch.“
Sie drehte den Kompass in ihrer Hand, sah zu, wie die Nadel stur in dieselbe Richtung wies. „Ein Kompass muss nach Norden zeigen. Das ist sein Sinn.“
„Sein Sinn“, wiederholte er, „oder nur seine Gewohnheit?“
Sie schwieg. Draußen fuhr ein Bus vorbei, das Schaufenster vibrierte leicht.
„Ich kannte einmal jemanden“, begann der Mann, „der hatte einen ähnlichen Kompass. Auch der zeigte nach Süden. Er nahm ihn auf eine Wanderung mit, in die Berge. Wollte eine Route gehen, die alle gingen. Eine sichere Route. Eine, die in jedem Reiseführer stand.“
Er machte eine Pause, als müsste er sich an den nächsten Teil erinnern.
„Aber der Kompass führte ihn anders. Zuerst dachte er, er hätte sich verlaufen. Er stand an einer Weggabelung, die Karte in der Hand, und nichts passte zusammen. Links ging es Richtung Norden, wie geplant. Rechts führte ein schmaler Pfad nach Süden, steil, unmarkiert. Er ärgerte sich über den Kompass. Überlegte, ihn wegzuwerfen.“
„Und?“, fragte sie.
„Er folgte ihm trotzdem.“ Der alte Mann lächelte, kaum merklich. „Nicht aus Vertrauen. Eher aus Trotz. Oder Neugier. Vielleicht beides.“
Die Luft im Laden roch nach altem Papier und Staub. Eine Uhr tickte leise irgendwo im Hintergrund.
„Der Pfad war schwer. Wurzeln ragten aus dem Boden, Steine rutschten unter seinen Schritten weg. Er musste sich festhalten, manchmal auf allen vieren. Kein Wegweiser, keine anderen Wanderer. Nur der Kompass, der stur nach Süden zeigte.“
„Und dann?“
„Dann kam er an einen Ort, den keiner kannte. Eine Lichtung, umgeben von hohen Felsen. Das Licht fiel anders dort, weicher. Es gab einen kleinen See, so klar, dass man jeden Stein am Grund sehen konnte. Er setzte sich ans Ufer und blieb eine Stunde. Oder zwei. Er wusste es nicht mehr genau.“
Der alte Mann griff nach einem Buch, strich über den Einband, als würde er die Geschichte dort weiterlesen.
„Als er zurückkam, erzählte er seinen Freunden davon. Aber niemand fand die Lichtung wieder. Sie folgten den Karten, den markierten Wegen. Sie gingen nach Norden, wie es richtig war.“
Sie legte den Kompass zurück aufs Regal, zögerte dann aber.
„Was willst du mir damit sagen?“
„Nichts.“ Er lächelte wieder, müde, aber ehrlich. „Ich erzähle nur eine Geschichte. Was du daraus machst, ist deine Sache.“
Sie nahm den Kompass erneut in die Hand. Die Nadel zitterte, fand ihre Richtung. Süden. Immer noch Süden.
„Wie viel?“, fragte sie.
„Zehn Euro.“
Sie zahlte, steckte den Kompass in ihre Tasche. Draußen war es kühl geworden, der Himmel hatte sich zugezogen. Sie ging langsam, spürte das Gewicht des Messings in ihrer Jackentasche.
Zu Hause stellte sie ihn auf ihren Schreibtisch, neben die Notizen für ihr Projekt. Das Projekt, das sie seit Wochen verschob, weil es nicht passte. Nicht in den Plan, nicht in die Erwartungen. Nicht nach Norden.
Sie sah auf die Nadel. Die nach Süden zeigte.
Vielleicht, dachte sie, ist Abweichung kein Fehler. Vielleicht ist sie nur ein anderer Weg. Einer, den nicht alle gehen. Einer, der nicht auf jeder Karte steht.
Sie öffnete ihren Laptop, begann zu schreiben. Nicht das, was geplant war. Sondern das, was sich richtig anfühlte. Was nach Süden zeigte.
Die Nadel bewegte sich nicht. Aber sie musste das auch nicht.
Manche Richtungen muss man selbst wählen, auch wenn sie abweichen.
