Ich erinnere mich an einen Tag, an dem ich viel zu lange an einem Platz saß. Der Stuhl schien mich festzuhalten, als wäre er stärker als mein Wille. Irgendwann bewegte sich ein Fuß, fast unbewusst. Dann der zweite. Und plötzlich war der Raum ein anderer. Kein Käfig mehr, sondern etwas Offenes, das ich neu betreten konnte.
Seit diesem Moment spüre ich Schritte anders. Manchmal sind sie schwer, als wollten sie den Boden beeindrucken. Manchmal sind sie kaum hörbar, wie ein vorsichtiges Fragen. Ich habe erlebt, dass in ihnen etwas liegt, das Worte nicht tragen können.
Ich erinnere mich an manche Gänge durch Krankenhausflure. Jeder Schritt war schwer, fast zu schwer. Und doch ging ich weiter. Nicht weil es leicht war, sondern weil es keinen anderen Weg gab. Diese Schritte brachten mich in Bewegung, in einem Moment, in dem ich innerlich zerbrochen war.
Auch in mir gibt es Schritte, die nicht gegangen werden. Ich kenne das Zögern, wenn der Körper still bleibt, obwohl etwas in mir längst weiter will. Diese unausgesprochenen Bewegungen wiegen schwer. Sie sammeln sich an, bis der erste Fuß sich doch vom Boden löst. Und dann wird das Gehen leichter, als ich dachte.
Ich habe erlebt, wie ein Schritt einen Tag verändert. Das Verlassen eines Zimmers, das keine Wärme mehr gab. Das Öffnen einer Tür, die zu lange verschlossen blieb. Oder das Hinübergehen zu jemandem, den ich fast verloren hätte. Es war nie eine große Geste. Nur ein einzelner Schritt – und plötzlich hatte sich alles verschoben.
Straßen tragen diese Spuren. Ich stelle mir vor, wie viele Menschen denselben Stein berührt haben, denselben Weg gegangen sind, jeder mit seinem eigenen Gewicht. Nichts davon ist sichtbar geblieben, und doch glaube ich, dass etwas davon in der Luft hängt. Vielleicht ist das der Grund, warum Orte sich verändern können, obwohl sie gleich aussehen.
Ich erinnere mich an Momente, in denen ich Schritte hinauszögerte, weil ich dachte, ich sei noch nicht bereit. Doch irgendwann ging ich doch, und erst im Gehen begriff ich, dass es nicht der richtige Moment sein musste, sondern nur der nächste.
Es sind die kleinen Bewegungen, die sich in mir festsetzen. Ein Schritt über eine Schwelle, die ich lange gemieden habe. Ein Schritt ins Freie nach einem schweren Gespräch. Ein Schritt zurück, um Platz zu lassen. Keiner von ihnen war laut, keiner wurde notiert. Aber sie alle haben in mir etwas verändert.
Vielleicht ist es genau das: dass Veränderung nicht in Erklärungen wohnt, sondern in Bewegung. Im kaum hörbaren Abheben einer Sohle, im kurzen Schweigen, bevor ein neuer Takt beginnt.
Wenn ich zurückblicke, sehe ich, dass die größten Wandlungen selten mit einem Knall begonnen haben. Sie begannen mit einem einzigen, unscheinbaren Schritt. So leise, dass er fast unbemerkt blieb. Und doch stark genug, den Weg zu ändern.
Heute vertraue ich diesem Gewicht. Es ist nicht schwer, und doch trägt es mich. Ein Schritt genügt, auch wenn ich nicht weiß, wohin er führt. Der Boden wartet.
Ein Schritt ist klein – und doch beginnt in ihm der Weg, der etwas verändern kann.
