Marcus hatte verlernt, nichts zu tun. Das war ihm nicht immer klar gewesen. Früher — er wusste nicht mehr genau wann — hatte er noch auf dem Sofa sitzen können, ohne sofort das Gefühl zu haben, dass irgendwo etwas auf ihn wartete. Aber das war lange her. So lange, dass er nicht mehr sicher war, ob es wirklich so gewesen war, oder ob er es sich nur einbildete.
Jetzt war es so: Sobald er stillsaß, meldete sich etwas in ihm. Kein Schmerz, kein konkreter Gedanke. Nur eine leise Unruhe, wie ein Geräusch im Haus das man nicht einordnen kann. Und das Einfachste gegen dieses Geräusch war das Telefon.
Er kam an diesem Abend um kurz vor acht nach Hause. Seine Tochter Lena saß am Küchentisch, elf Jahre alt, ein Heft vor sich, den Bleistift zwischen den Zähnen. Sie schaute kurz hoch.
„Hi, Papa."
„Hi, Schatz."
Er stellte die Tasche ab, öffnete den Kühlschrank, schloss ihn wieder. Dann schaute er auf sein Telefon. Eine E-Mail, kein Betreff, weitergeleitet von jemandem mit einem Ausrufezeichen am Ende. Sein Daumen begann zu tippen.
Lena schaute ihn an. „Bist du müde?"
„Nein, nein. Alles gut."
Sie nickte und schaute wieder auf ihr Heft. Er schickte die E-Mail ab.
Sie aßen später zusammen. Aufgewärmte Nudeln, zu viel Salz. Sie erzählte etwas — einen Schulstreit, eine Ungerechtigkeit, das komplizierte Gefüge von Freundschaften mit elf. Er hörte zu, oder er dachte, er hörte zu. Aber irgendwo zwischen ihrem zweiten und dritten Satz öffnete sich die Benachrichtigung, und sein Blick glitt kurz weg. Nur kurz. Sie sah es. Sie sagte nichts, aß weiter.
Das Telefon zeigte oben rechts, in kleinen roten Ziffern: drei Prozent.
Er sah es, während er den Teller wegräumte. Drei Prozent. Er steckte das Kabel ein, bevor er das Geschirr gespült hatte — eine schnelle, fast nervöse Bewegung, als wäre es ein kleiner Notfall. Er spülte das Geschirr. Das Telefon lud.
Lena hatte sich auf die Couch gelegt. Decke über die Beine, Tablet auf dem Bauch, das Gesicht ruhig im blauen Licht. Er setzte sich in den Sessel daneben.
Sie schaute hoch. „Willst du auch gucken?"
„Gleich", sagte er. „Ich muss kurz —"
Das Telefon war in der Küche. Er war im Wohnzimmer. Trotzdem stand er auf, ging in die Küche, schaute auf das Display: 14 Prozent. Eine neue Nachricht. Er antwortete.
Als er zurückkam, hatte Lena die Decke enger gezogen. Sie schaute ihn nicht an.
Er setzte sich in den Sessel. Auf dem Bildschirm lief irgendetwas — er wusste nicht was, hatte nicht gefragt. Die Stimmen aus dem Tablet füllten den Raum. Er saß da. Die Unruhe war noch da, leiser jetzt, aber da.
Nach einer Weile sagte Lena, ohne den Blick vom Tablet zu nehmen: „Papa?"
„Ja."
„Wofür brauchst du das alles?"
Er schaute sie an. Sie schaute noch immer auf den Bildschirm. Keine Anklage in ihrer Stimme. Keine Wut. Sie hatte gefragt wie man fragt, wenn man wirklich wissen will — die Art von Frage, die Kinder stellen, bevor sie lernen, dass manche Fragen man lieber nicht laut stellt.
Er öffnete den Mund.
Dann schloss er ihn wieder.
Er dachte an die E-Mail von heute Morgen, die er beantwortet hatte, bevor er aufgestanden war. An das Meeting, das er von der Toilette aus angenommen hatte. An die drei Nachrichten, die er im Treppenhaus geschrieben hatte, weil der Aufzug zu langsam war und er diese zwei Minuten nicht einfach stehen lassen konnte.
Er dachte daran, wie es sich anfühlte, wenn jemand schrieb: Danke, das war schnell. Dieses kleine, warme Etwas, das er dann spürte. Kaum merklich. Aber da.
Und er dachte daran, wie es sich anfühlte, wenn er nichts schrieb. Wenn er einfach dasaß. Dieser leise Gedanke, der dann kam — vielleicht braucht dich niemand gerade — und wie schnell er dann das Telefon nahm, um den Beweis zu finden, dass das nicht stimmte.
Lena hatte ihn nicht mehr angeschaut. Die Geschichte auf ihrem Tablet lief weiter.
Er stand auf. Ging in die Küche. Das Telefon lag auf der Ablage, 47 Prozent jetzt, das Kabel noch drin. Er sah es an — dieses kleine Gerät, das er den ganzen Tag aufgeladen, überwacht, nie weiter als eine Armlänge von sich gelassen hatte.
Dann ließ er das Kabel drin. Legte das Telefon hin. Und ging zurück.
Er setzte sich diesmal nicht in den Sessel. Er setzte sich neben Lena, auf die Couch.
Sie schob das Tablet ein Stück, ohne nachzufragen. Zog die Decke halb über seine Knie.
„Worum geht's?", fragte er.
Sie erklärte es ihm. Kurz, mit den Händen, dann zeigte sie auf den Bildschirm. Er schaute. Er verstand nicht alles sofort. Er fragte nach. Sie erklärte es nochmal, leicht ungeduldig, wie man jemandem etwas erklärt, den man mag, auch wenn er langsam ist.
Er lachte kurz. Sie auch.
Später, als sie schlief, stand er in der stillen Küche. Das Telefon lag noch auf der Ablage. 81 Prozent.
Er dachte an ihre Frage. Wofür brauchst du das alles.
Nicht böse gemeint. Einfach nur gefragt. Von jemandem, für den er der wichtigste Mensch der Welt war — nicht weil er immer antwortete, nicht weil er alles managte, nicht weil er funktionierte.
Einfach so.
Er stand noch eine Weile da. Draußen war es still, das Licht der Straßenlaterne fiel schmal durchs Fenster. Er dachte an nichts Bestimmtes. Das war ungewohnt. Aber nicht unangenehm.
Manche Menschen laufen auf drei Prozent, weil sie vergessen haben, dass Aufladen auch für sie gilt.