Das Licht kommt noch. Jeden Morgen. Auch jetzt.
Aber irgendwann in den letzten Monaten hat sich etwas verändert — still, ohne Ankündigung, wie ein Möbelstück, das jemand verschoben hat und das man erst vermisst, wenn man im Dunkeln dagegenstößt. Wir wachen auf und spüren es sofort. Etwas ist anders. Etwas, das wir nicht benennen können, ist nicht mehr dort, wo es war.
Es ist nicht Trauer. Es ist nicht Angst. Es ist etwas, das unter beiden liegt.
Wir nennen es Unsicherheit. Aber das Wort ist zu ordentlich. Zu klein. Was wir wirklich meinen: Wir haben das Gefühl verloren, dass das, was wir tun, zählt. Dass das, was wir aufgebaut haben, trägt. Dass die Richtung, in die wir gehen, noch gilt — dass überhaupt noch jemand die Richtung kennt.
Das kennen Menschen seit jeher. Nur kommt es diesmal nicht aus uns. Es kommt von überall gleichzeitig, und es spricht in Geschwindigkeiten, für die wir keine Ohren haben.
Ein Baum, der im Sturm steht, biegt sich. Das ist keine Niederlage. Es ist Physik. Was Wurzeln hält, kann sich bewegen — muss sich sogar bewegen, damit es nicht bricht. Wir haben das vergessen. Wir haben uns eingeredet, dass Stabilität Starre bedeutet. Dass man standhaft ist, wenn man sich nicht rührt.
Aber die Welt bewegt sich jetzt schneller als unsere Überzeugungen.
Da ist dieser Moment am frühen Nachmittag, wenn man aufhört, die Nachrichten zu lesen — nicht weil man fertig ist, sondern weil man nicht mehr weiß, was man mit dem tun soll, was man gerade gelesen hat. Man legt das Gerät weg. Man schaut aus dem Fenster. Draußen sitzt ein Vogel auf einem Ast. Er tut gar nichts. Nur sitzt er.
Und für eine Sekunde — nur eine — ist man neidisch.
Das Verletzliche an uns ist nicht, dass wir nicht wissen, was kommt. Das wussten wir nie. Das Verletzliche ist, dass wir so lange so getan haben, als würden wir es wissen. Als hätten wir Systeme gebaut, Pläne gemacht, Vertrauen in Abläufe gesetzt — und als wäre das dasselbe wie Sicherheit.
Es ist nicht dasselbe. Es war es nie.
Ein Fluss findet seinen Weg nicht, weil er einen Plan hat. Er findet ihn, weil er fließt. Weil er das Hindernis nicht bekämpft — er umgeht es. Langsam. Manchmal über Generationen. Und irgendwann liegt der Stein, der einmal ein Fels war, irgendwo flussabwärts. Klein. Rund. Harmlos.
Wir sind nicht der Stein. Wir sind das Wasser.
Aber wir verhalten uns gerade wie der Stein. Wir warten, dass die Welt um uns herumfließt und ihren alten Kurs wieder aufnimmt. Dass alles wieder so wird wie es war — bevor wir aufgehört haben zu wissen, wie es sein soll.
Es wird nicht wieder so.
Das ist keine schlechte Nachricht. Es ist nur eine Nachricht.
Was bleibt: dass Menschen in Unsicherheit nicht auseinanderfallen — sie suchen einander. Das ist so alt wie der erste Winter, den irgendjemand mit irgendjemand anderem überlebt hat. Das haben wir nicht verlernt. Das können wir nicht verlernen. Es sitzt tiefer als jede Überzeugung, die wir gerade verlieren.
Das Licht kommt noch. Es hat keinen Grund nicht zu kommen.
Vielleicht ist das genug, um heute aufzustehen.